Wolfram-Versorgung: „Langfristiges Denken ist wichtig“
Interview mit unserem Vorstandsvorsitzenden Karlheinz Wex
Am Anfang war das Licht.
Als die Menschheit begann, die Nacht zum Tag zu machen, spielte ein unscheinbares Metall bald die Hauptrolle: Wolfram. Ein feiner Draht, zum Glühen gebracht durch elektrischen Strom, schenkte den Menschen verlässliches, helles und erschwingliches elektrisches Licht.
Dass Wolfram seinen Weg in die Glühlampen dieser Welt fand, ist auch dem Weitblick von Plansee Group-Gründer Paul Schwarzkopf zu verdanken. Er erkannte früh das Potenzial dieses Metalls und trieb die industrielle Fertigung des hauchdünnen Feindrahts voran – die Grundlage für die Produktion von Glühwendeln für die moderne Glühlampe. Damit begann eine Erfolgsgeschichte, die bis heute fortgeschrieben wird.
Auf das Licht folgten weitere Hightech-Anwendungen für Wolfram, ohne die unsere moderne Welt nicht denkbar wäre: Röntgendrehanoden, Hartmetallwerkzeuge oder Ausgleichsgewichte. Wolfram steckt in Produkten und Anwendungen, die unseren Alltag prägen, schützen, antreiben und präziser machen.
Die sichere Versorgung mit Wolfram ist deshalb nicht nur wichtig – sie ist entscheidend für unseren Fortschritt und unsere Zukunft.
Vorstandsvorsitzender Mag. Karlheinz Wex wirft einen Blick auf die Rohstoffstrategie der Plansee Group und erklärt, wie entscheidend Technologieentwicklungen und langfristige Partnerschaften dafür sind. Außerdem erläutert er, warum sich auch die europäische Politik intensiver mit dem Thema Wolfram befassen sollte.
Neben Molybdän ist Wolfram der Hauptwerkstoff der Plansee Group; das Unternehmen entwickelt zusammen mit Kunden immer neue Anwendungen dafür. Was macht dieses Metall so besonders?
Wolfram ist ein Refraktärmetall, also ein Metall, das besonders „widerspenstig“ in der Verarbeitung ist. Da diese Metalle industriell nicht schmelzmetallurgisch verarbeitet werden können, erfolgt ihre Aufbereitung pulvermetallurgisch: unter hohem Druck und bei hohen Temperaturen, jedoch deutlich unterhalb des Schmelzpunkts. Ihre besonderen Eigenschaften machen Refraktärmetalle anspruchsvoll in der Verarbeitung und entsprechend kostenintensiv.
Wenn allerdings bestimmte Anforderungen an einen Werkstoff gestellt werden, sind Refraktärmetalle wie Wolfram unverzichtbar. Seine außergewöhnlichen und vielfältigen Eigenschaften sind der Grund, warum Wolfram beispielsweise für die Luft- und Raumfahrt eine zentrale Rolle spielt. Seine abschirmende Eigenschaft von Röntgen- und Gamma-Strahlen macht Wolfram auch zum bevorzugten Werkstoff für Bestrahlungsgeräte in der Krebstherapie.
Das Metall steckt also hinter der Fertigung von Komponenten für die Luft- und Raumfahrt oder dient als Strahlungsschutz – wofür wird Wolfram noch verwendet?
Der Hauptverwendungszweck von Wolfram liegt in der Werkzeugbranche als Hartmetall, also Wolframkarbid in Verbindung mit Kobalt. Werkzeug aus Hartmetall kann die unterschiedlichsten Materialien zerspanen und wird in der produzierenden Industrie und in allen professionellen Anwendungen der Holz- und Gesteinsbearbeitung gebraucht.
Wolfram kommt aber auch in vielen anderen Bereichen zum Einsatz: etwa als Ausgleichsgewicht für Kurbelwellen oder als Feindraht in Operationsrobotern. In vielen dieser Anwendungen gibt es keinen sinnvollen Ersatz für Wolfram. Eine verlässliche Versorgung ist für diese Industrien daher entscheidend.
Warum ist die Versorgungssituation in Europa besonders kritisch?
Wolfram gehört zu den kritischen Metallen. Aufgrund der begrenzten Ressourcen müssen wir bedacht mit diesem besonderen Metall umgehen. Rund 50 Prozent der bekannten natürlichen Wolframvorkommen liegen allerdings in China. Diese Vorkommen hat das Land konsequent erschlossen und dominiert – ähnlich wie bei den Seltenen Erden – durch gezielte Preispolitik den globalen Wolframmarkt. Vorkommen in anderen Regionen sind zwar vorhanden, werden jedoch in vielen Fällen nicht genutzt, da ihre Erschließung aufgrund des preiswerten Wolframs aus Asien bisher wirtschaftlich nicht attraktiv war. Dies hat die westliche Welt in den vergangenen zwei Jahrzehnten hochgradig von China abhängig gemacht. Deutlich wurde dies, als China zu Beginn des Jahres 2025 den Export einschränkte, was zu einem starken Anstieg der Wolframpreise führte. Im zweiten Halbjahr 2025 haben wir zahlreiche Anfragen von Kunden bekommen, die ihren Bedarf an Vormaterialien aus Wolfram nicht mehr vollständig decken konnten.
Wie sichert die Plansee Group ihre Versorgungssicherheit mit Wolfram?
Wir haben uns vor über zwanzig Jahren entschieden, den Weg der Rückwärtsintegration zu gehen. Damit stellen wir für alle großen Weltregionen eine unabhängige Versorgung mit Wolfram sicher und produzieren, wo möglich, „local for local“. Für diesen Schritt waren strategischer Weitblick, unternehmerischer Mut und die Inkaufnahme hoher Risiken notwendig.
Wir bauen unsere Versorgung auf drei Säulen auf: dem Einsammeln von Wolframschrotten, der Entwicklung und Optimierung von Recyclingtechnologien und langfristigen Abnahmevereinbarungen mit Betreibern von Wolframminen.
Unsere Wolframprodukte bestehen zu 88 % aus Schrotten und ausgedienten Produkten. Mit unserem Unternehmen GTP verfügen wir in den USA und in Europa über Recyclinginfrastruktur und zwei unterschiedliche Technologien, die wir kontinuierlich weiterentwickeln. Unser Tochterunternehmen Stadler kümmert sich um die Logistik sowie das Sammeln und Sortieren der Schrotte – ein essenzieller Schritt, um hochwertiges Ausgangsmaterial sicherzustellen. Diese beiden Unternehmen haben wir über Jahrzehnte hinweg gezielt in die Gruppe integriert. Dadurch verfügen wir heute über eine robuste Basis in der Rohstoffaufbereitung, das stärkt unsere Versorgungssicherheit.
Produkte aus recyceltem Wolfram haben die gleiche Qualität wie Produkte aus Primärmaterial, aber mit einem insgesamt deutlich geringeren CO₂-Fußabdruck. Neben der Versorgungssicherheit gewinnt dieser Aspekt für unsere Kunden spürbar an Bedeutung.
Zu unseren langfristigen Minenpartnern gehört zum Beispiel die reaktivierte Sangdong-Mine in Südkorea. Sie gilt als eines der größten Wolframvorkommen weltweit und wird vom Unternehmen Almonty Industries betrieben. Wir sind der größte Anteilseigner bei Almonty und haben uns durch eine langfristige Abnahmevereinbarung über fünfzehn Jahre die gesamte Produktion aus der Sangdong-Mine gesichert.
Um eine solche Strategie aufzubauen, ist es wichtig, viele mögliche Szenarien so früh wie möglich zu antizipieren, richtig?
Langfristiges Denken ist für uns wichtig, beinahe selbstverständlich. Man wird als Unternehmen nur dann über hundert Jahre alt, wenn man wirklich nachhaltig wirtschaftet. Unsere heutige Ausrichtung ist über viele Jahre hinweg schrittweise gewachsen: vom ursprünglichen Fokus auf Produkte über die stärkere Orientierung an unseren Kunden und den Aufbau von tiefgehendem Anwendungswissen bis hin zur Sicherung unserer Rohstoffbasis. In diesem Bereich haben wir in den vergangenen Jahrzehnten unter erheblichem Risiko investiert. Heute zeigt sich: Diese Entscheidungen waren richtig.
Stichwort „langfristiges Denken“ – wie sehen Sie die Zukunft der Plansee Group?
Wir wollen unsere Kapazitäten erweitern, um Europa und die USA auch künftig zuverlässig versorgen zu können. Die Plansee Group ist heute der größte Hersteller von Wolframprodukten außerhalb Chinas und deckt derzeit rund zwölf Prozent des weltweiten Wolframbedarfs ab. GTP hat sich zu einem der bedeutendsten Pulverhersteller entwickelt und kann inzwischen nicht nur unseren eigenen Bedarf vollständig sichern, sondern auch Vormaterial für den Markt bereitstellen.
Grundsätzlich haben wir den Anspruch, in allem, was wir tun, unter den Top drei weltweit zu sein. Das sind wir heute bereits in 80 % unserer Geschäfte, und das denken wir bei jeder strategischen Entscheidung mit.
Zuletzt: Was muss die Branche tun, damit wir auch morgen noch ausreichend mit Wolfram versorgt sind?
Wir wollen ein verlässlicher Partner sein und uns wie auch unsere Kunden langfristig stabil mit Wolfram versorgen. Zugleich ist klar: Die westliche Versorgung kann kein einzelnes Unternehmen allein sicherstellen. Die gesamte Industrie muss Verantwortung übernehmen und aktiv dafür sorgen, dass ihre Lieferketten diversifiziert sind. Politisch gibt es mit dem EU Raw Materials Act bereits erste wichtige Schritte, eine gewisse Regulierung für strategische Rohstoffe ist geschaffen. Was jedoch fehlt, ist eine klare, übergeordnete Strategie, die Wolfram-Quellen langfristig absichert und der Industrie einen verlässlichen Rahmen gibt, in dem sie agieren kann. Wir selbst haben in die Wolfram-Mine in Südkorea investiert und eine langfristige Abnahmevereinbarung geschlossen – ein Schritt, der in der Privatwirtschaft eher ungewöhnlich ist. Wenn Industrie und Politik hier gemeinsam Verantwortung übernehmen, können wir die Wolframversorgung auch in Zukunft zuverlässig sicherstellen.
Karlheinz Wex ist seit 2023 Vorstandsvorsitzender der Plansee Holding AG und bereits seit 25 Jahren Mitglied des Vorstands der Plansee Group. Nach seinem Studium der Handelswissenschaften und der technischen Physik begann er vor 35 Jahren seine Karriere im Finanzbereich des Unternehmens.
Über die Plansee Group
Mit den Unternehmensbereichen Plansee und CERATIZIT sowie der Beteiligung an Molymet ist die Plansee Group eines der weltweit führenden pulvermetallurgischen Industrieunternehmen.
Die Plansee Group ist auf Produkte aus den Werkstoffen Molybdän und Wolfram spezialisiert und deckt dabei die gesamte Wertschöpfungskette ab – von der Aufbereitung der Rohstoffe (aus Schrotten oder Erzkonzentraten) bis zu kundenspezifischen Werkzeugen und Komponenten.
Das Produktportfolio umfasst mehr als 100 000 verschiedene Produkte und Werkzeuge. Damit ermöglicht die Plansee Group Hightech-Geräte des täglichen Bedarfs wie Smartphones ebenso wie nachhaltige und effiziente Lösungen für die Mobilität, die Energieversorgung und die industrielle Fertigung.
Die Plansee Group erzielte im Geschäftsjahr 2023/24 mit 11.208 Mitarbeitern einen konsolidierten Umsatz von 2,28 Milliarden Euro.
Das Geschäftsjahr endet mit dem letzten Februartag.
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