03. August 2026 News

Versorgungssicherheit entsteht nicht über Nacht

Karlheinz Wex, Vorstandsvorsitzender der Plansee Group, über Rohstoffsicherheit, Recycling und Europas industrielle Zukunft

Herr Wex, warum sprechen derzeit alle über Wolfram?

Wolfram ist ein Metall mit einzigartigen Eigenschaften. Es hat den höchsten Schmelzpunkt aller Metalle, ist extrem dicht und unverzichtbar für zahlreiche industrielle Anwendungen. Rund 65 Prozent des Wolframs werden für die Herstellung von Werkzeug aller Art verwendet. Ob Fräsen, Bohren, Drehen oder Umformen: Ohne Wolframcarbid gäbe es viele moderne Fertigungsprozesse nicht. Gleichzeitig werden Bauteile aus Wolfram beispielsweise in Computertomografen, in Schaltern für die Energieübertragung oder in Smartphones benötigt. Wolfram besetzt zwar eine Nische, aber praktisch die gesamte verarbeitende Industrie und viele Hightech-Anwendungen sind darauf angewiesen.

Warum hat sich die Situation auf dem Wolframmarkt so stark zugespitzt?

China beherrscht heute sowohl den Abbau als auch die Verarbeitung von Wolfram. Mehr als 80 Prozent des weltweit geförderten Wolframs stammen aus China, und seit über einem Jahr wurden die Wolfram-Exporte stark eingeschränkt. China ist inzwischen sogar zum Nettoimporteur geworden. Dadurch trocknet der westliche Markt aus. Die Folge waren massive Preissteigerungen und zunehmende Versorgungsrisiken für die Industrie.

Wie abhängig sind europäische Industrien von Wolfram?

Sehr. Besonders betroffen ist die produzierende Industrie. Unternehmen, die Motoren, Getriebe, Maschinenbauteile oder Präzisionsprodukte herstellen, arbeiten mit Werkzeugen auf der Basis von Wolframcarbid. Aber auch die Elektronikindustrie, die Medizintechnik und sicherheitsrelevante Anwendungen benötigen Wolfram. Deshalb ist die Versorgung mit diesem Rohstoff für die Wettbewerbsfähigkeit und für die Sicherheit Europas von großer Bedeutung.

Hat Plansee diese Entwicklung überrascht?

Nein. Bereits vor fast 20 Jahren haben wir erkannt, dass die Abhängigkeit von China ein strategisches Risiko darstellt. Deshalb haben wir früh begonnen, unsere Versorgung breiter aufzustellen. 2008 haben wir ein Unternehmen in den USA übernommen, das sich auf die Herstellung von Vor- und Zwischenprodukten aus Wolfram spezialisiert hat. Parallel dazu haben wir die eigenen Recyclingtechnologien weiterentwickelt und ausgebaut. Unser Ziel war es immer, eine stabile, unabhängige und nachhaltige Wolframversorgung für unsere Kunden in aller Welt zu schaffen.

Welche Rolle spielt Recycling dabei?

Recycling ist heute das Fundament unserer Wolframversorgung. Rund 90 Prozent des von Plansee eingesetzten Wolframs stammen aus Sekundärmaterialien. Dafür sammeln wir verschlissene Werkzeuge, wolframhaltige Schrotte oder Schleifschlämme ein und bereiten sie mit eigenen Verfahren wieder zu hochwertigem Wolfram auf. Das erfordert viel Know-how, macht uns aber deutlich unabhängiger von den Schwankungen auf den Rohstoffmärkten.

Wie funktioniert dieser Recyclingkreislauf konkret?

Die Grundlage sind Schrotte. Über unsere Sammelsysteme und Rückkaufvereinbarungen mit Kunden erfassen wir in ganz Europa und den USA gebrauchte Hartmetallwerkzeuge und andere wolframhaltige Materialien. Diese werden sortiert und anschließend mit unterschiedlichen Verfahren wieder zu einsatzfähigem Wolfram verarbeitet. Recyceltes Wolfram ist qualitativ nicht von Primärmaterial zu unterscheiden.

Welchen Beitrag leistet Recycling zur Nachhaltigkeit?

Einen sehr großen. Der CO₂-Fußabdruck von Recyclingmaterial ist etwa viermal geringer als jener von Wolfram aus dem Bergbau. Außerdem werden weniger natürliche Ressourcen benötigt. Was ursprünglich vor allem ein strategischer Schritt zur Versorgungssicherheit war, erweist sich heute auch als wichtiger Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit.

Kann Recycling künftig den gesamten Wolframbedarf decken?

Nein. Weltweit liegt der weltweite Wolframbedarf bei rund 120.000 Tonnen pro Jahr. Langfristig lassen sich wahrscheinlich bis zu 50 Prozent davon durch Recycling decken. Danach stoßen wir an natürliche Grenzen, weil ein Teil des Materials während der Nutzung verloren geht, etwa durch Abrieb des Wolfram-Werkzeugs im Tunnel- oder Straßenbau. Deshalb werden auch künftig Primärquellen notwendig bleiben.

Welche Bedeutung haben neue Minenprojekte für die Versorgungssicherheit?

Sie sind ein wichtiger Baustein. Ein gutes Beispiel ist die Sangdong-Mine in Südkorea. Sie wurde vor Jahrzehnten stillgelegt und wird nun wieder in Betrieb genommen. Wir haben das Projekt gemeinsam mit unserem Partner Almonty über viele Jahre begleitet und uns große Teile der Fördermengen langfristig gesichert. Die Reaktivierung oder Inbetriebnahme einer Mine dauert oft zehn Jahre oder länger. Deshalb müssen solche Projekte frühzeitig unterstützt und solide finanziert werden.

Was kann Europa tun, um seine Rohstoffversorgung besser abzusichern?

Es braucht mehrere Maßnahmen. Erstens sollte der Recyclinganteil erhöht werden. Zweitens müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit neue Minenprojekte wirtschaftlich umgesetzt werden können. Drittens sollten strategische Reserven aufgebaut werden, allerdings in Zeiten ausreichender Versorgung und nicht während einer Knappheit. Es braucht insgesamt eine langfristige und konsequente Strategie für kritische Rohstoffe.

Sie sprechen sich auch für Maßnahmen beim Wolframschrott aus. Warum?

Wolframschrott ist ein wertvoller Rohstoff. Heute werden erhebliche Mengen aus Europa exportiert, teilweise nach China. Aus unserer Sicht sollte das Material in den regionalen Kreisläufen gehalten werden, etwa in Europa oder den USA. Eine sinnvolle Lösung wäre beispielsweise, Schrottexporte zu erlauben, wenn die gleiche Menge nach der Aufarbeitung wieder zurückgeführt wird. Dadurch ließe sich die Versorgungssicherheit verbessern, ohne internationale Wertschöpfungsketten zu unterbrechen.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Politik und Industrie?

Versorgungssicherheit entsteht nicht über Nacht. Bei kritischen Rohstoffen gibt es keine Lösung, die für alle passt. Jeder Rohstoff gehört für sich betrachtet. Bei Wolfram braucht es deutlich mehr Recycling, neue Rohstoffquellen, Investitionen in Verarbeitungskapazitäten und langfristige Partnerschaften. Wer Versorgungssicherheit schaffen will, muss heute die Entscheidungen treffen, deren Wirkung man dann in fünf oder zehn Jahren sehen wird. Genau diesen Weg verfolgt Plansee seit vielen Jahren.

Medienkontakt

Dénes Széchényi
Head of Group Communications
Tel. +43-5672-600-2243
Mobil +43-664-81 52 598
denes.szechenyi@plansee-group.com

Über die Plansee Group: Fokus auf die Metalle Molybdän und Wolfram

Die Plansee Group ermöglicht mit ihren Produkten Anwendungen an der Grenze des technisch-physikalisch Machbaren – in Elektronik, Medizintechnik, Energieversorgung, Maschinenbau, Bauindustrie, Mobilität sowie Sicherheit und Verteidigung.

Die Unternehmensgruppe mit Sitz in Reutte/Tirol ist auf die pulvermetallurgische Verarbeitung der Hochleistungswerkstoffe Molybdän und Wolfram spezialisiert. Die Wertschöpfungskette reicht von der Aufbereitung von Schrotten und Erzkonzentraten über die Herstellung von Vorprodukten und Rohlingen bis hin zur Entwicklung und Produktion kundenspezifischer Komponenten und Werkzeuge.

Die Plansee Group mit der Dachgesellschaft Plansee Holding AG vereint zwei starke Unternehmensbereiche:
•    Plansee Hochleistungswerkstoffe, spezialisiert auf metallische Produkte aus Molybdän und Wolfram.
•    Ceratizit, fokussiert auf Werkzeug aus Hartmetall (Wolframkarbid) für Handwerk, Zerspanung und industrielle Fertigung.

Langfristige Versorgungssicherheit für ihre Schlüsselwerkstoffe gewährleistet die Plansee Group über das Recycling und langfristige Partnerschaften mit Minenbetreibern. Am chilenischen Molybdänverarbeiter Molymet ist die Plansee Group mit 31 Prozent beteiligt und am Wolfram-Minenbetreiber Almonty mit zehn Prozent. 

Mit 11.120 Mitarbeitern an 36 Produktionsstandorten erzielte die Plansee Group im Geschäftsjahr 2025/26 einen konsolidierten Umsatz von 2,35 Milliarden Euro. Das Geschäftsjahr endet am letzten Februartag.